Sternengucker – oder die Überwindung der anatomischen Grenze

Aus gegebenem Anlass habe ich mal wieder einen Artikel aus der Schublade geholt und noch ein wenig überarbeitet. Ein Thema, was mich immer wieder beschäftigt ist die klassische Fußarbeit und deren extremere Abwandlungen, wie z.B. die „Sternengucker-Variante“ im sportlichen Kontext. Und um es gleich vorweg zu sagen: ICH mag die Unart den Hund in der Fussarbeit in eine extreme Überstreckung der Halswirbelsäule zu ziehen gar nicht! Es gibt absolut keinen Grund einem Hund, der sich gehorsam und willentlich zeigt, uns eng zu begleiten in eine solche Position zu bringen. Und, ganz klar, je nach Ausführung geht das für mich definitiv auch schon in den Bereich der Tierquälerei- (Mein Blog – meine Meinung 😉)und ich begründe hier auch gerne warum ich dies so empfinde!

Grundgangarten in meiner Arbeit

Ich bin Sportphysiotherapeutin für Hunde und setze mich mit den verschiedensten Sportarten immer wieder intensiv auseinander. In den letzten Blogbeiträgen habe ich über den „Schritt“ und die „sportartenübergreifende“ Arbeit mit den Hunden geschrieben. Der Schritt, eine der wichtigsten Gangarten sollte sportartenübergreifend im Blick gehalten werden. Ganz egal, welche Sportart ausgeübt wird, der Hund sollte aus gesundheitlichen Gründen in der Lage sein einen sauberen und korrekten Schritt zu gehen (näheres dazu bitte im entsprechenden Blog nachlesen 😉 ).

Immer dann, wenn ich mit Sporthunden arbeite, schaue ich mir die Gangarten genau an. Ob das in meiner Praxis, auf Turnieren, in meinen Online Kursen oder in Seminaren ist, die Bewegungsanalyse der Gangarten ist ein ganz wichtiger Baustein und bestimmt mit, welche Übungen und Aufgaben der Hund zu seiner gesundheitlichen Unterstützung und Verbesserung bekommen wird. 

Verbleiben wir der Einfachheit halber beim Schritt…

Spannenderweise ist der Schritt immer wieder die Gangart, bei der die Besitzer große Augen bekommen und nicht selten mit festem Ton verkünden, dass ihr Hund keinen Schritt könne. Ich frage dann gerne: „Gar nicht?“ und meistens wird dies dann auch noch bestätigt. Problem, ich möchte den Schritt sehen und auch wenn ich diesen während wir uns unterhalten oft im Hintergrund und unbemerkt vom Besitzer längst gezeigt bekomme habe, bleibt die Aufgabe bestehen: „ Bitte zeige mir deinen Hund im Schritt!“

Und dann geht es los – erstmal wird die Leine geholt, oder ne ordentliche Portion Futter oder ein Spielzeug. Je nach Ausbildung folgt dann ein deutliches „Fuß“ oder das kürzer nehmen der Leine, vielleicht wird auch mit dem Spielzeug gelockt oder das Futter schön nah an den Körper gehalten und dann schleicht der Mensch los. Schön langsam mit kleinen Tritten – der Hund soll ja Schritt gehen…

Tut er aber nicht und kann er auch nicht…

Auswirkungen räumlicher Begrenzungen

Der Hund wird auf diese Art und Weise sowohl körperlich, als auch mental gebremst. Leine, Futter, Spielzeug oder Kommando schränken ihn in seinem Bewegungsradius ein und er soll sich auch noch dem langsamen Tempo seines Menschen anpassen. 

Wenn er das wirklich versucht, wird er die Tritte verkürzen, seinen Rücken anspannen, die Schultern nicht mehr so weit nach vorne oben führen und womöglich durch den Druck der Leine oder das Futter in der Hand dabei auch noch schief gezogen. Sorry, aber nein, so bekommen wir keinen Schritt zu sehen. Der Hund läuft untaktmässig und verkürzt und steif.

Ein guter Schritt ist flüssig und frei, bei raumgreifenden Tritten der Vor– und Hinterhand, wobei die Bewegungen aus der Hinterhand in gleichmäßigen Bewegungen über die gesamte Wirbelsäule nach vorne gegeben und durch ein entsprechendes entspanntes Bewegen des Kopfes mit aufgenommen werden.

Soweit erstmal zu der räumlichen und der Geschwindigkeitsbegrenzung des Hundes. ( Anmerkung: Natürlich können wir dies auch auf den Trab übertragen!)

Auswirkungen trainerischer Abwandlungen des Grundtempos

Fakt ist also, wir Menschen sind absolut in der Lage, eine natürliche Gangart so zu manipulieren, dass sie für den Hund nicht mehr gut ist. Was das Tempomanagement und die Einwirkungen auf den Hund betrifft gibt es dafür übrigens eine sehr einfache Lösung- der Hund darf so lange in einem Tempo laufen, in dem er in der Lage ist, die gewünschte Gangart sauber und korrekt zu zeigen und er bekommt ausreichend Zeit und Unterstützung, damit er körperlich irgendwann auch in der Lage ist, sein Grundtempo zu verändern und anzupassen, ohne dass er dabei den Takt verliert.

Für eine solche Veränderung und Anpassung muss er nämlich erstmal die richtige Körperkontrolle, die notwendige Muskulatur und die Fähigkeit zur Gewichtsverlagerung haben. (Dazu mehr in den Blogartikeln zur Fussarbeit). Wird der Hund trainerisch in seinem Tempo verändert und kann dies körperlich noch gar nicht umsetzen, kommt es zu oben genannten Gangbildstörungen. Spannenderweise festigen sich diese sehr schnell, so dass die negativen Auswirkungen (Verspannungen, verkürzte Tritte usw.) auch auf Dauer und in anderen Bereichen (z.B. im Sprung) Probleme machen.

Knochen ohne Muskeln sind nicht gut zu stabilisieren- aber man sieht hier sehr gut die Abstände zwischen den Dornfortsätzen der Brustwirbel

Ein bisschen anatomisches Wissen

Und nun betrachten wir uns mal den Kopf – und Halsbereich des Hundes: der Hund hat von Natur aus leicht geschwungene Halswirbelsäule, so dass er seinen Kopf passend zum Vierfüßlergang tragen kann. Die Halswirbelsäule wird von einer umfassenden guten Muskulatur geschützt. Da sie aus anatomischen Gründen in Teilen sehr beweglich ist, benötigt die Halswirbelsäule und die darin entlanglaufenden Nerven Schutz. Der Hund kann seinen Kopf weit nach unten, nach rechts und nach links bewegen, die Halswirbelsäule ermöglicht dies, durch die entsprechende Beugung nach unten bzw. zur Seite. Das, was er nicht gut kann, ist den Kopf nach oben in den Nacken legen. Hier sorgen die natürlichen Strukturen für eine deutlich bemerkbare Grenze, die wir Menschen übrigens auch haben. (Ausnahme ist der sogenannte „Schafhals“ bei Hunden),

Auf dem Foto sieht man sehr gut, was mit einer überstreckten Wirbelsäule passiert – die Wirbelabstände verkürzen sich deutlich und die gesamte Bewegung wird eingeschränkt. Seitliche Bewegungen sind kaum noch möglich, ebenfalls ein Schutz der darin liegenden Strukturen. Die Wirbelsäule muss geöffnet sein, damit Rotationsbewegungen zwischen den Wirbeln frei möglich sind.

Bei extrem überstreckter Halswirbelsäule wird auch die Brustwirbelsäule stark eingeengt

Im Übergang vom Kopf zum Hals gibt es noch eine weitere anatomische Besonderheit – hier treten die kostbaren Nerven aus dem Kopf und gehen in die Wirbelsäule über. Der erste Halswirbel hat dafür eine große Öffnung und ist in seiner Beweglichkeit von Natur aus stark eingeschränkt, denn zu viel Beweglichkeit würde hier schnell die Nervenbahnen im Übergang beeinträchtigen. Erst der zweite Halswirbel verursacht die Wendigkeit des Kopfes. Aus dem Pferdebereich wissen wir, dass der Kopf in einer leicht nach vorne gehaltenen Position erst die seitliche Einstellung des Kopfes ermöglicht, weil dieser Bereich der Halswirbelsäule in zu starker Beugung oder Streckung  blockiert. 

Auswirkungen einer manipulierten Kopfhaltung

Und nun geht der Mensch hin und sagt dem Hund er möge sich jetzt bitte mit extrem überstreckter Kopfhaltung vorwärts bewegen. Alle oben beschriebenen Schutzmechanismen durch die Muskulatur werden schmerzhaft zu Nichte gemacht. Der Hund muss seinen Kopf in eine Position bringen, die er von Natur aus NIE in der Vorwärtsbewegung einnehmen würde. Er überstreckt wichtige Strukturen, fügt sich dabei selber Schmerzen zu, die Muskeln verspannen durch diese Überforderung und im Bestreben, die Halswirbelsäule trotzdem zu schützen und werden dabei immer fester. Und dann soll der Hund den Menschen womöglich auch noch anschauen und den Kopf zur Seite drehen – sorry, aber mir fehlen die Worte. Schon mal versucht einen verspannten Nacken mit einer seitlichen Kopfbewegung zu konfrontieren? Tut ganz schön weh, oder?

Selbst bei einer moderaten Kopfhochhaltung, hat der Hund einige Probleme, wenn er nicht zuvor entsprechend aufgebaut und körperlich darauf vorbereitet wurde. Aber für die Position der sogenannten „Sternengucker“ ist keine Vorbereitung möglich, die die körperlichen Auswirkungen verhindert.

Die Verspannungen und Schmerzen verschwinden übrigens nicht, wenn der Kopf dann nach dem Training wieder normal gehalten werden darf, die behält der Hund, als Dank fürs Training noch länger und wenn er Pech hat geht er damit dann auch gleich wieder ins nächste Training. 

Einschränkungen des Blickfeldes

Die Befürworter und Umsetzer dieser Bewegungsmanipulation mögen doch bitte mal 2 Minuten mit starr nach oben gerichteten Blick spazierengehen…einfach mal ausprobieren. Und bitte auch ein bisschen zur Seite schauen. Dies ist nur ein Vorschlag und rein freiwillig in der Umsetzung und geschieht auf eigene Gefahr. Mir wird nach wenigen Sekunden extrem schwindelig und mein Kopf fängt an zu schmerzen. 

Dazu kommt, dass ich dann absolut nicht sehe, wohin ich trete, was dem Hund übrigens ganz genau so geht. Mir ist es ein Rätsel, warum ein Hund sich derart manipulieren lässt und das mit macht. Für mich ganz klar, so etwas tue ich meinem Hund nicht an und ich möchte es auch nicht sehen. 

Wenn ihr wollt, dass eure Hunde die Vorderbeine zackig in die Luft schmeissen, bringt es Ihnen doch bitte einfach bei. Das geht sogar so, dass der Hund davon keinen gesundheitlichen Schaden nimmt, wenn auf die richtige Ausführung geachtet wird. 

Auswirkungen auf die Hinterhandtätigkeit des Hundes

Diese Auswirkungen spürt der Hund selbst bei einer moderaten Kopfhochhaltung und es bedarf an gezieltem und gut durchdachten zusätzlichen Training, um den Hund körperlich stark genug zu machen, um diese Position für kurze sportliche Sequenzen zu halten. In der extremen Kopfhochhaltung hat der Hund keine Chance mehr seine Hinterhand sauber zu führen und muss durch ein leichtes einsinken und Gegenspannung aus dem Rücken ausgleichen. Die Folge: auch hier entwickelt sich sehr schnell eine deutliche Beeinträchtigung des Gangbildes. Der Hund verlernt seine Sprunggelenke und Knie zu stabilisieren und verspannt in Bereichen des Rückens, des Beckens und der Hinterbeine. Die Instabilität wirkt sich selbstverständlich auch auf alle anderen BewegungsBereiche aus und erhöht sowohl das Verletzungs-, als auch das Verschleißrisiko.

Fazit

Ich versteh nicht, warum es schön sein soll einen Hund anzusehen, der erkennbar Schmerzen hat, in seiner Haltung geschädigt wird und keine Chance hat zu sehen, wo er hingeht. Dieser Anblick verursacht bei mir körperliches Unbehagen. 

Eine moderate Kopfhochhaltung toleriere ich, da habe ich sportphysiotherapeutisch genug Möglichkeiten zu unterstützen und auszugleichen, sofern der Hund auch in der Lage ist diese zu halten und die Anforderungen im richtigen Maß zeitlich eingeschränkt werden. Es ist immer der Mensch der für das Wohlergehen des Hundes verantwortlich ist und dieser möge doch bitte dafür sorgen, dass dem Hund nicht wissentlich Schaden zugefügt wird.

Anmerkung

Viele Bewegungen im Hundesport gehören nicht zu den natürlichen Bewegungsabläufen des Hundes, aber wir haben in der Regel die Möglichkeit, den Hund so aufzubauen, dass er für diese Aufgaben ausreichend gerüstet ist. Frei nach dem Motto „Alles zu seiner Zeit“ liegt hier die beste Möglichkeit zur Gesunderhaltung, die Bewegungen erst dann zu fordern, wenn der Hund auch körperlich und mental dazu in der Lage ist. Es geht mir also hier nicht darum, eine Bewegung aufgrund Ihrer Unnatürlichkeit anzufeinden. Sternengucker sind absolut unnötig und dienen genau wie die TennesseWalking Horses nur dem Vergnügen einiger Menschen. 

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